Bedeutung der FIS-Regeln bei Skiunfällen

Grundsätzlich unterliegt die Regelung der aus Skiunfällen resultierenden Schadenersatzforderungen den allgemeinen Regeln des Schadenersatzrechtes. Teilbereiche des Miteinanderlebens sind in umfangreichenden Gesetzen, z.B. der Straßenverkehrsordnung geregelt. Ein Gesetzeswerk, das die Verhaltensweisen bzw. Verhaltenspflichten von Skifahrern regelt, existiert zumindest in Österreich nicht und kommen somit den FIS-Regeln, die von der Féderation Internationale de Ski (zuletzt 2002) herausgegebenen Verhaltensregeln, besondere Bedeutung zu, die in weiterer Folge näher beleuchtet werden sollen.

 

1. Rücksichtnahme auf die anderen Ski- und Snowboardfahrer

Jeder Skifahrer und Snowboarder muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt. Diese Bestimmung stellt eine Generalklausel dar mit dem Ziel, dass jegliches Verhalten, das einen anderen Skifahrer gefährdet oder schädigt, zu einer Haftung führen soll. Darunter fallen aber nicht nur das Verhalten des Skifahrers auf der Piste sondern auch Handlungen bzw. Unterlassungen, die bereits im Vorfeld eine Haftung begründen können. Zu den Pflichten eines Skifahrers gehört z. B. auch die Einstellung der Bindung durch einen Fachmann vornehmen zu lassen. Sollte es daher z. B. zu einer Kollision kommen, die darauf beruht, dass die Bindung eines Skifahrers nicht ordnungsgemäß eingestellt war, so stellt dies eine Verletzung des Punktes 1 der FIS-Verhaltensregeln dar.

 

2. Beherrschung der Geschwindigkeit und der Fahrweise

Jeder Skifahrer und Snowboarder muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen. Ein Verstoß gegen die 2. Regel der FIS-Verhaltensweisen stellt in der Regel die häufigste Unfallursache dar. Kollisionen mit anderen Skifahrern resultieren meistens daraus, dass ein Skifahrer mit einer zu hohen Geschwindigkeit fährt, seine Fahrweise nicht kontrollieren kann bzw. andere Pistenteilnehmer nicht berücksichtigt. Wesentlicher Punkt dieser Regel ist der, dass ein Skifahrer seine Geschwindigkeit so zu wählen hat, dass er unter Berücksichtigung seines Beobachtungshorizontes jederzeit anhalten kann, um Kollisionen zu vermeiden. Den Witterungsverhältnissen, der Sichtweite und der Schnee- und Geländebeschaffenheit kommt erhebliche Bedeutung zu. Kontrolliertes Fahren bedeutet daher nicht nur, die Fahrweise dem eigenen Können anzupassen, sondern auch Rücksicht zu nehmen auf die sonstigen Umstände.

 

3. Wahl der Fahrspur

Der von hinten kommende Skifahrer und Snowboarder muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer und Snowboarder nicht gefährdet. Auch die Wahl der Fahrspur stellt eine häufige Unfallursache dar. Grundsätzlich sind Skifahrer und Snowboarder berechtigt sich frei zu bewegen, müssen aber andere Skifahrer berücksichtigen. Vorrang hat grundsätzlich der vorausfahrende Skifahrer oder Snowboarder. Ein Skifahrer, der einem anderen Skifahrer nachfährt, hat somit seinen Vordermann zu beobachten und seine Fahrlinie so zu wählen, dass es nicht zu einer Kollision mit dem Vordermann kommt. Ausnahmen von dieser Regel bestehen, wenn ein Carver am Ende eines Schwunges bergauf fahren muss bzw. ein Skifahrer die Piste quert oder nach einem Stillstand wieder anfährt (Regel 5).

 

4. Überholen

Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer oder Snowboarder für all seine Bewegungen genügend Raum lässt. Wie daher ein anderer Pistenteilnehmer überholt wird ist frei wählbar, allerdings muss der Seitenabstand so eingehalten werden, dass der Überholte ausreichend Platz zur Verfügung hat. Die Verpflichtung der Regel 4 ist während des gesamten Überholvorganges zu beachten, um den überholten Skifahrer nicht in Gefahr zu bringen. Diese Regel ist auch einzuhalten, wenn an stehengebliebenen Skifahrern und Snowboardern vorbei gefahren wird.

 

5. Einfahren, Anfahren und Hangaufwärtsfahren

Jeder Skifahrer und Snowboarder, der in eine Abfahrt einfährt, nach einem Halt wieder anfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.

Diese Regelung stellt eine „Nachrangregelung“ dar. Besonderes gilt für Snowboarder und Carver, die bei bogenförmigen Querfahrten besonderes aufmerksam sein müssen. Wenn

 

Snowboarder und Carver bei Querfahrten bergauf fahren, so haben sie auf andere Pistenbenützer besonders Rücksicht zu nehmen.

Ungefähr vier Sekunden nach Einfahrt oder Anfahrt liegt die Integration in den Fließverkehr vor.

 

6. Anhalten

Jeder Skifahrer und Snowboarder muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Skifahrer oder Snowboarder muss eine solche Stelle so schnell wie möglich frei machen.

Mit der Ausnahme von breiten Pisten ist das Verweilen von Skifahrern und Snowboardern nur am Pistenrand erlaubt. Insbesondere weil das sitzende Verweilen von Snowboardern mitten auf der Piste ein hohes Gefahrenpotential darstellt.

 

7. Aufstieg und Abstieg

Ein Skifahrer und Snowboarder, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Rand der Abfahrt benutzen.

Diese Regel soll verhindern, dass Skifahrer aufgrund eines Hindernisses gezwungen werden ihre Fahrlinie zu wechseln und dadurch eventuell andere gefährden. Außerdem sollen Beschädigungen der Piste hintangehalten werden. Welcher Abstand genau zum Pistenrand eingehalten werden muss, hängt immer vom Einzelfall ab. Je größer jedoch die Breite der Piste ist, desto eher wird ein größerer Abstand zum Pistenrand von der Rechtsprechung toleriert.

 

8. Beachten der Zeichen

Jeder Skifahrer und Snowboarder muss die Markierung und Signalisation beachten.

Im Zusammenhang mit Regel 2 ist darauf hinzuweisen, dass die Pisten nach ihren Schwierigkeitsgrad bezeichnet werden und Skifahrer bzw. Snowboarder Pisten zu wählen haben, die ihrem Fahrkönnen entsprechen. Des Weiteren haben Pistenteilnehmer Hinweistafeln bzw. Verbotstafeln während der Fahrt zu berücksichtigen.

 

9. Hilfeleistung

Bei Unfällen ist jeder Skifahrer und Snowboarder zur Hilfeleistung verpflichtet.

Abgesehen von der zivilrechtlichen Haftung besteht auch unter Umständen eine strafrechtliche Verantwortung. Es kann der Tatbestand des Imstichlassen eines Verletzten (§ 94 StGB), oder eine unterlassene Hilfeleistung (§ 95 StGB) vorliegen. Die Verpflichtung trifft jeden Pistenbenützer.

 

10. Ausweispflicht

Jeder Skifahrer und Snowboarder, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben.

Zum einen ist es Staatsbürgerpflicht, sofern man Zeuge eines Unfalles ist, gegenüber den Behörden seine Personalien bekanntzugeben, auf der anderen Seite ist es auch für den Verursacher besser seine Personalien von Anfang an bekanntzugeben. Sollte z.B. das Risiko eines Skiunfalles durch eine Haftpflichtversicherung gedeckt sein, so wird der Skifahrer auch aufgrund des Versicherungsvertrages verpflichtet sein zur Aufklärung aller Umstände beizutragen und ist es hierfür erforderlich auch seine Daten bekanntzugeben. Sollte sich der Skifahrer von der Unfallstelle entfernen und seine Personalien nicht bekanntgeben und er trotzdem nachher ausgeforscht werden, so kann die Haftpflichtversicherung von der Leistung frei sein, wenn er zur Aufklärung des Unfalles nicht eine ordnungsgemäße Mitwirkung geleistet hat.

Allgemein ist auch noch anzumerken, dass der Vertrauensgrundsatz Anwendung findet und jeder Skifahrer davon ausgehen kann, dass sich auch die anderen an die FIS-Regeln halten. Ausgenommen sind Kinder sowie Personen, die nicht in der Lage sind sich regelkonform zu verhalten. Zu letzteren sind jedenfalls Betrunkene und Fahranfänger zu zählen.

Abgesehen von den in der Öffentlichkeit weithin bekannten FIS-Pistenregeln, besteht auch ein Pistenordnungsentwurf des Kuratoriums für alpine Sicherheit, welche auf der Homepage des Kuratoriums www.alpinesicherheit.at ersichtlich sind. Ähnlich den Bestimmungen der FIS-Regeln wird auch der Pistenordnungsentwurf von der Rechtsprechung ähnlich wie Gesetzesbestimmungen angewendet und zur Beurteilung von Skiunfällen herangezogen.

Quellen: HR Dr. Wilhelm Mahler-Hutter, Übersicht über die aktuelle Rechtsprechung bei Skiunfällen (2005)

 

Dr. Andrea Michitsch, Die FIS-Pistenregeln im Vergleich zur StVO (ZVR 2007/21)